AYURVEDA -Krankheit & Therapie

AYURVEDA KRANKHEITSLEHRE

Gesundheit und Krankheit hängen vom Vorhandensein eines ausgeglichenen Gleichgewichts des Ganzen und seiner Bestandteile ab. Innere und äußere Einflüsse können für das fehlende Gleichgewicht verantwortlich sein. Der Gleichgewichtsverlust kann durch Diäten, unerwünschte Angewohnheiten, Nichtbeachtung der Regeln für gesundes Leben und aus vielen anderen Gründen entstehen.

Das Ziel der ayurvedischen Heilkunst ist die Vermeidung von ernsthaften Erkrankungen, indem man versucht, den Auslöser der Erkrankung zu verstehen, erste, unspezifische Anzeichen zu erkennen und den Boden für einen Ausbruch zu entziehen. Dies geschieht vor allem durch die Bemühung um die für den jeweiligen Patienten „richtige“ Ernährung und Lebensweise, sowie das Ziel, ungesunde Gewohnheiten aufzugeben. Dazu gibt es eine Reihe von Behandlungen, die vor allem dem Körper dabei helfen sollen, das richtige Verhältnis der drei Doshas zu erhalten oder wiederzuerlangen. Bekannt sind etwa die diversen Öl- und Pulvermassagen und das Panchakarma, ein aus fünf Teilen bestehendes Reinigungsprogramm.

Krankheit entsteht nach dem ayurvedischen Konzept durch das mangelhafte Verständnis unserer konstitutionellen Natur mit daraus resultierenden unzuträglichen Gewohnheiten in der Lebensführung und Ernährung. Es werden drei Kausalebenen unterschieden.

Kausalebene 1  -  Ernährung und Lebensstil

Hier stehen Ernährung und Lebensstil im Vordergrund. Eine unzuträgliche Ernährung und Lebensweise (im Sanskrit „Mithyaharavihara" genannt) wird als naheliegende Ursache körperlicher Beschwerden beschrieben. Aus ayurvedischer Sicht werden Lebensgewohnheiten als unzuträglichbezeichnet, die zu einer weiteren Zunahme eines ohnehin schon dominanten Dosha führen.
In der Anamnese können Zusammenhänge aufgedeckt und entsprechende Empfehlungen ausgesprochen werden. Der Ayurveda richtet sich gerne nach dem Verursacherprinzip. Das heisst: bevor ayurvedische Arzneien empfohlen werden, sind immer erst die Ursachen zu meiden.

Kausalebene 2  -  „Prajnaparadha"

Wörtlich übersetzt bedeutet Prajnaparadha „Versagen der Intelligenz". Die grundlegende Frage lautet: Was führt zu unzuträglicher Ernährung und Lebensweise? Die Antwort darauf lautet: Unser Geist, in dem einerseits Sattva abgenommen und andererseits Rajas und Tamas zugenommen hat. Dies führt zum Verlust des Unterscheidungsvermögens, der Entschlossenheit und der Erinnerung - mit Folge unzuträglichen Handelns.

Unsere Lebensgewohnheiten dürfen ayurvedisch niemals getrennt von unserem Geisteszustand betrachtet und verändert werden. Listen von Geboten und Verboten hinsichtlich Ernährung und Lebensstil können langfristig nur wirken und aufrecht erhalten werden, wenn die Psyche des Einzelnen die Zusammenhänge versteht und erfühlt.

Kausalebene 3  -  Unwissenheit

Die dritte und tiefste Kausalebene heißt „Avidya" und stellt die grundlegendste Ursache für Leid dar. Aus Unwissenheit können wir Selbst und Nicht-Selbst nicht unterscheiden und identifizieren uns deshalb mit den vergänglichen Anteilen im Leben, unserem Körper und unseren Emotionen. Vor 2.500 Jahren lehrte bereits Buddha: „Leid entsteht durch Identifikation mit Vergänglichem". Zur Auflösung dieser Kausalität dient die spirituelle Praxis.

Krankheitsverständnis in der Ayurvedamedizin

Das klinische Bild wird im Ayurveda anhand zahlreicher Parameter bewertet. Zu den funktionellen Parametern gehört die Zuordnung von Symptomen nach Dosha (Vata, Pitta, Kapha), Subdosha (15 Unterarten), Agni (13 Körperfeuer) und die Bewertung der Stoffwechsellage (Ama, Raktadushti).

Die Einteilung nach strukturellen Parametern umfasst die Zuordnung zu den jeweils sieben Haupt- (Dhatu) und Nebengeweben (Upadhatu), die Bewertung der Ausscheidungsfunktionen (Mala) und der Zustand aller 16 Körperbahnen (Srotas).

Zu den pathophysiologischen Parametern zählen das Verständnis von Ursachenkomplexen (Hetu), der Pathogenese (Samprapti), der Stadien einer Dosha-Zunahme (Doshavriddhi), der Krankheitswege (Rogamarga), der Prognostik (Rogabhedah) und die Auswertung erfolgter Therapiemaßnahmen (Upashaya).

Erst nachdem alle Parameter ausgewertet und verstanden wurden, kann eine ayurvedische Diagnose gestellt und ein individueller Therapieplan ausgearbeitet werden.

AYURVEDA THERAPIE

Ayurvedische Therapie basiert auf einem antipathischen Paradigma – das bedeutet, es werden jeweils mit entgegengesetzten Maßnahmen und Eigenschaften Überschüsse oder Mangelzustände in Strukturen und Funktionen ausgeglichen.

Ayurveda arbeitet immer ganzheitlich und betrachtet sowohl psychosomatische als auch somatopsychische Prozesse. Die Therapie erfolgt immer multimodal unter Einsatz möglichst vieler Verfahren, die synergistisch einander in ihrer Wirkkraft potenzieren. Aus diesem Grund ist von der Inanspruchnahme isolierter Angebote an Massagetherapien, Phytotherapie oder Ernährungsmedizin eher abzuraten.

Es werden drei Therapieebenen unterschieden:

  • Körpertherapie mit den drei Bereichen Ursachenmeidung, Palliativ-Verfahren und Ausleitungstherapien
  • Psychotherapie zur Entwicklung tiefer Erkenntnis und Stärkung aller geistigen Funktionen
  • Auf Vertrauen basierende Heilkunde = Ritualkunde und subtil wirksame Maßnahmen

Welche der Therapieebenen vorrangig zum Einsatz kommt, hängt von der individuellen Diagnose und Pathogenese ab. 

Eine erfolgreiche Therapie basiert auf der Zusammenarbeit des Therapeuten mit dem Patienten und den zur Verfügung stehenden Heilmitteln. Die Compliance oder Mitarbeit des Patienten ist unbedingt erforderlich – hier kommt es v.a. auf die Übernahme von Selbstverantwortung und die Bereitschaft zur Veränderung an. 

Im klassischen Ayurveda werden 8 Therapiesäulen in drei Behandlungsebenen unterschieden: Ernährungstherapie, Ordnungstherapie, Arzneimitteltherapie, Manualtherapie, Ausleitungsverfahren, Chirurgie, Psychosomatik und subtile Verfahren.

  Ayurveda Ernährungstherapie

Die ayurvedische Ernährungstherapie basiert auf der Lehre von 5 Elementen, 6 Geschmacksrichtungen, 20 Eigenschaften und 12 Nahrungsmittelgruppen. Nach eingehender Diagnostik und Erstellung einer ayurvedischen Therapiestrategie wird ein maßgeschneiderter Plan unter besonderer Berücksichtigung der individuellen Verdaulichkeit erstellt. Ein zentrales Credo lautet: gesundes Essen muss schmecken!

  Ayurveda Verhaltenstherapie

Viele Krankheiten sind Folge einer unzuträglichen Lebensweise, die nicht im Einklang mit der persönlichen Konstitution und den Rhythmen der Natur steht. Die ayurvedische „Lifestyle-Medizin" setzt an den Lebensgewohnheiten an und umfasst die Bereiche Zeitgestaltung, Schlafhygiene, Atmung, Bewegung, Reinigungsroutine, Körperpflege, Sinneskontrolle, Kommunikation, Spannungsregulation und Achtsamkeit.

  Ayurveda Arzneimitteltherapie

Die ayurvedische Arzneimitteltherapie steht in enger Verbindung zur Ernährungstherapie und basiert auf den gleichen Klassifikationsregeln der Substanzenlehre. Zum Einsatz kommen vorwiegend Rezepturen aus Heilpflanzen, die bedarfsgemäß durch mineralische oder tierische Substanzen ergänzt werden. Im europäischen Ayurveda werden vorrangig einheimische Pflanzen gemäß ayurvedischen Kriterien verwendet.

 Ayurveda Manualtherapie

Die ayurvedische Manualtherapie zählt zu den zu den äußeren Reinigungsverfahren und umfasst Massagen, Ölanwendungen, Hitzeapplikationen, Auflagen und hydrotherapeutische Verfahren. Die Anwendungen kommen als Vorbehandlung im Panchakarma zum Einsatz und stellen zudem eigenständige ambulante Maßnahmen dar. Hauptindikationen sind Vata-Störungen (Rheumatologie, Neurologie, Psychologie).

 Ayurveda Ausleitungsverfahren

Die ayurvedischen Ausleitungsverfahren reinigen den Körper von belastenden Rückständen und kommen isoliert in ambulanter Durchführung und kombiniert als stationäre Panchakarma Kur zum Einsatz. Die 5 Verfahren sind: Vamana (Emesis / Magenspülung), Virechana (Purgation / Abführtherapie), Basti (Rektaleinläufe), Shirovirechana (Intranasaltherapie) und Raktamokshana (Aderlass / Schröpfen / Blutegel).

  Ayurveda Chirurgie

Die ayurvedische Chirurgie kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Eine der beiden ältesten Textsammlungen des Ayurveda, die Sushruta Samhita, erwähnt über 100 chirurgische Instrumente und mehr als 300 Operationen. Plastische Chirurgen beziehen sich historisch oft auf Sushruta und die damaligen herausragenden Operationstechniken. Heute kommen nur noch mikrochirurgische Eingriffe zum Einsatz.

 Ayurveda Psychosomatik

Ayurvedische Psychosomatik umfasst die Analyse und Korrektur von Eigenschaften (Sattva-Rajas-Tamas) und Funktionen unseres Geistes in Interaktion mit den Sinnen und dem Körper. Die psychotherapeutisch wirksamen Maßnahmen dienen dazu, geistige Fähigkeiten (Unterscheidungsvermögen, Entschlossenheit, Erinnerungsvermögen) zu stärken und die pathologische Identifikation mit Vergänglichem zu lösen.

  Subtile Verfahren im Ayurveda

Der Ayurveda versteht den Menschen als mikrokosmisches Abbild eines makrokosmischen Prinzips. Leben ist ein Zusammenschluss von Körper, Sinnen, Geist und Seele. Unsere Seele ist unvergänglich, unveränderlich und jenseits aller Dualität - aber erfahrbar. Die subtile Heilkunde Daivavyapashraya stärkt Vertrauen, Demut und lindert Ängste. Die Anbindung an das große Ganze reduziert die Identifikation mit Leiden.

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